Warum vegan?

Immer mehr vegetarische und vegane Produkte kommen auf den Markt. Foto: Dirk Franke

Immer mehr vegetarische und vegane Produkte kommen auf den Markt. Foto: Dirk Franke

Vegetarisch oder sogar vegan zu leben, ist nicht nur eine Sache der Ernährung, sondern vielmehr eine Frage des Bewusstseins (des bewussten Seins und Handelns) und der Lebenseinstellung. Wie auch die Entscheidung, nicht zu rauchen, ist es letztendlich eine Kopfsache. Wahrscheinlich hat jeder Vegetarier und jeder Veganer zunächst seinen eigenen persönlichen Auslöser für die Ernährungsumstellung. Die grundlegenden Fakten, die zu dieser Bewegung führten, bleiben aber natürlich dieselben.

Jeder Hundehalter oder Haustierbesitzer weiß, dass alle Tiere (so wie die Menschen) ihre eigenen Charaktere und Seelen haben. Jedes Lebewesen ist einzigartig auf dieser Erde. Warum behandeln wir also nicht alle Tiere gleich (gut) und respektvoll? Wieso werden auf der einen Seite geliebte Haustiere vermenschlicht, auf der anderen Seite aber so genannte Nutztiere in den Tierindustrieanlagen ganz entgegen ihrer Bedürfnisse gehalten? Wie soll das in unseren Köpfen logisch zusammenpassen?

Der Kunde ist König. Der Kunde sitzt am längeren Hebel und bestimmt, was auf dem Markt geht und was nicht. Empathie oder der Mangel an derselben spielen hierbei eine ganz große Rolle. Vegetarier und Veganer sind sich einig: Massentierhaltung in der Fleisch-, Fisch-, Eier-, Milch- und Pelzproduktion geht überhaupt gar nicht. Wer meint, dass es in Deutschland keine Konzentrationslager mehr gebe, der schaut weg und ignoriert die vielen Mastanlagen, Schlachtviehtransporter, Schlachthöfe und Tierversuchsanstalten.

Kälber werden gleich nach der Geburt von ihren Muttertieren getrennt und mit einem Ersatzmittel ernährt. Die Milch selbst wird zu Dumpingpreisen verkauft. Kleine Kälbchen rufen ihre Mütter. Mütter rufen ihre Kälbchen, von denen die Männchen bald darauf zum Schlachter kommen. Die Weibchen ersetzen ihre Mütter, denn älter als 3 bis 5 Jahre wird eine Milchkuh auf Dauerakkord nicht. (Die natürliche Lebenserwartung eines Rinds beträgt 30 – 60 Jahre.)

Dasgleiche gilt für Legehennen. Ihre Legeleistung reicht nur für 12 bis 15 Monate, um für den Bauern wirtschaftlich profitabel zu sein. Einzelne Biobauern  gestatten den Tieren eine Legepause während der Mauser von 6 bis 8 Wochen. Das verlängert das Bio-Legehennenleben im Gegensatz zum durchschnittlichen Industriehuhn um ein Jahr auf ganze zwei Jahre. (Masthühner leben im Durchschnitt nur 39 Tage. Die natürliche Lebenserwartung eines Huhns beträgt 20 Jahre.) Pro Huhn und verlängertes Lebensjahr rettet das zumindest theoretisch ein männliches Küken der Legehennenrasse. Weil sie sich weder zur Eierproduktion noch zur Mast eignen, werden  die männlichen Küken sofort nach dem Schlüpfen aussortiert und entweder vergast oder lebendig geschreddert.

Grausamste Verstümmelungen ohne Betäubung sind in der Tierindustrie alltäglich. Dies sei notwendig, weil das unnatürliche Zusammenleben auf engstem Raum das Aggressionspotential erhöht und die Ware möglichst nicht beschädigt werden soll. Bei vollem Bewusstsein werden dem Geflügel die Schnäbel gekürzt, die Hörner der Kälber ausgebrannt, männliche Schweine kastriert, die Ringelschwänze kupiert, die Zähne abgeraspelt, und die Säue während der Säugezeit unbeweglich in Kastenständen gehalten, damit sie ihre Ferkel in der Enge nicht erdrücken.

Sogar Pferde werden für die Produktion von Hormonpräperaten für die Ferkelzucht missbraucht. Das Geschäft in großem Stil besteht darin, das Blutserum trächtiger Stuten an Pharmafirmen in aller Welt zu verkaufen. Aus dem Serum wird das Hormon „Pregnant Mare Serum Gonadotropin“, kurz PMSG, gewonnen. Siehe den Bericht der Süddeutschen Zeitung „Wie Pharmakonzerne mit Pferdeblut Geschäfte machen“ vom 29.9.2015.

Warum lassen wir zu, dass Millionen von Menschen deswegen nicht genug zu essen haben, weil wir unsere Nutztiere (oder auch Exportgüter zum Dumpingpreis) mit dem Getreide und Soja füttern, das in ihren Ländern auf den Feldern wächst? Wenn wir auf den Umweg über die Fleischproduktion verzichteten und uns direkt selbst fleischlos ernährten, könnten die Hungernden ihr Land für ihre eigene Ernährung nutzen. Auch der Raubbau am nicht zu ersetzenden Regenwald mit seinen Ureinwohnern könnte durch die drastisch verminderte Nachfrage nach Anbauflächen (siehe Stichwort Palmöl) sofort gestoppt werden.

„Würden alle soviel Fleisch essen wie wir, bräuchten wir drei Planeten für die Futterflächen.“
(Niedersachsens Agrarminister „Ja zum Tierschutzlabel“, Stuttgarter Zeitung, Christoph Link, 15.10.2014)

Tierschutz bedeutet heutzutage automatisch Umweltschutz. Übermäßige Tierproduktion hat nicht nur einen exorbitant hohen Wasserverbrauch, sondern auch übermäßige Mengen an Exkrementen zur Folge, die irgendwo entsorgt werden müssen. Dies geschieht auf unseren Feldern, deren Böden dadurch schlechter werden. Die Gefahr, dass unser höchstes Gut – das Grundwasser – ebenfalls negativ beeinträchtigt wird, steigt. Hinzu kommen die nutztierischen Abgase, die einen Großteil zu unserem Klimawandel beitragen.

„Der Nitrat-Grenzwert  wird in der Hälfte aller Messstellen in Deutschland nicht mehr eingehalten. Dabei kann der Stoff beim Menschen Krebs auslösen. Brüssel schlägt Alarm.“
(ZDF Planet e Sendung vom 9.7.2015, „Zeitbombe im Trinkwasser – Nitrat belastet das Grundwasser„)

Unter Wasser sieht es nicht besser aus. Die Weltmeere sind durch die jahrzehntelange Industriefischerei überfischt. Trotzdem durchkreuzen die Fischfangflotten mit ihren tiefreichenden Netzen immer weiter die Ozeane. In ihren riesigen Netzen verfangen sich nicht nur Fische. Sie holen auch andere vom Aussterben bedrohte Tiere wie Wale, Robben, Schildkröten und Delfine ein, die dann oft bereits grausam verendet sind. Wegen des Sterbens der Meere gibt es immer mehr Produktionsstätten, in denen Fische und Shrimps unnatürlich eng gehalten werden. Auch diese Farmen erzeugen Unmengen an Abwasser (sozusagen Jauchegruben zu Wasser), das die Meere noch zusätzlich verunreinigt und belastet.

Tiere aus der Fleischindustrie werden zur Vorbeugung von Krankheiten mit pharmazeutischer Chemie vollgepumpt. Der Verbraucher kann durch den häufigen Verzehr dieser Tiere resistent gegen antibiotische Medikamente werden. In Krankenhäusern tritt nun schon seit Jahren zunehmend das Problem auf, dass bei manchen Patienten (ca. 170.000 pro Jahr) beispielsweise kein Mittel mehr gegen die multiresistenten (Tierstall- und Krankenhaus-) Keime hilft. Siehe hierzu die ausführliche Dokumentation zum Thema Antibiotika in der Massentierhaltung von NDR und ARTE. In Deutschland, so wird geschätzt, sterben pro Jahr über 15.000 Menschen an Infektionen mit antibiotika-resistenten Keimen. Die Natur scheint zurückzuschlagen.

Lebensmittelskandale demonstrieren es immer wieder: Skrupellosigkeit und die Gier nach Geld haben aus dem Markt einen Teufelskreis gemacht, aus dem es nur schwer einen Ausweg gibt. Wenn der Handel an einem Erzeugnis ein Vielfaches von dem Erlös des Produzenten verdient, dann stimmt da grundsätzlich etwas nicht. Der enorme Preiskampf hat die Preise kaputt gemacht. Wer nicht mitzieht, hat weniger bis keine Kunden.

Die „Geiz ist geil“-Mentalität hat zur Folge, dass die Produzenten von Tierprodukten sich gezwungen fühlen, nicht auf Qualität sondern auf Quantität zu setzen. Wegen der chronischen Überproduktion und dem viel zu hohen Angebot wiederum werden Tierprodukte zu Discountpreisen verhökert. Weil manche (meist kleinere) Bauern von den Erträgen alleine nicht überleben könnten, werden sie (und die Agrarkonzerne) von den Steuergeldern eines jeden (ob Tierprodukt-Konsument oder nicht) subventioniert. Insgesamt verteilen die Staaten der Europäischen Union jährlich 100 Milliarden €uro (60 Milliarden direkt aus Brüssel) an die Landwirtschaft, berichtet die Zeit. Gleichzeitig fehlt dieses Geld für sinnvollere Investitionen wie z.B. in den Bereichen Pflege, Bildung, Rente und Infrastruktur.

Der Durchschnitts-Deutsche lebt sprichwörtlich auf viel zu großem Fuß. Der ökologische Fußabdruck eines Menschen lässt sich aber allein durch bewusstes Handeln auf ein akzeptables Maß reduzieren. Das Beste, was wir unseren Nachkommen vermachen können, ist nicht materieller Reichtum, sondern eine Welt mit Werten, die für ein liebevolles und respektvolles Miteinander eintritt – sowohl untereinander als auch mit der Natur.

Albert Schweitzer setzte sich sein Lebtag für Tiere und seine Mitwelt ein. Wolfgang Schindler gründete die Albert Schweitzer Stiftung. Die Stiftung hat die „Selbst wenn“-Broschüre  herausgegeben. Selbst wenn Du Fleisch magst, ist sie eine sehr informative und inspirierende Lektüre. Sie kann online gelesen aber auch zum Verteilen oder Auslegen bestellt werden.

Der Vegetarierbund Deutschland e.V. wurde bereits 1892 in Leipzig gegründet. Seine Webseite ist ebenfalls ein guter Einstieg (und mehr!), wenn man anfangen möchte, sich mit fleischloser Ernährung und allem, was dazu gehört, auseinanderzusetzen.

Wer sich gerne bei Demonstrationen beteiligen oder zumindest über die Termine informiert sein möchte, ist bei wir-haben-es-satt.de/ richtig.

Je weiter man vom Land entfernt ist, desto größer ist das vegane Angebot. Zusätzlich soll es ein Nord-Süd-Gefälle geben. Demnach sind Hamburg und Berlin wahre Paradiese für Veganer und alle, die es werden möchten. Die verschiedensten Webseiten über vegetarische und vegane Lebensweisen sind in den letzten Jahren entstanden und diese Bewegung boomt auch weiterhin. Ein Forum den Hamburger Raum betreffend ist auf http://hamburg-vegan.de/.

Wir brauchen keine Tierversuche. Tierversuche sind Dank fortgeschrittener Technologie und weiterführender Erkenntnisse in erster Linie sinnlos, völlig veraltet und einfach „out“. Auf www.aerzte-gegen-tierversuche.de sind Experten für den Tierschutz aktiv und informieren über Aktionen, bei denen jeder mitmachen kann.

Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V. auf www.tierrechte.de/ kämpft ebenfalls für bessere Tierleben.

Viel Spaß beim Stöbern!

Übrigens: Wer meint, Figurenprobleme zu haben, braucht bei veganer Ernährung keine Abmagerungskur zu machen. Der Körper entschlackt von ganz alleine und Dickmacher gibt es in der Pflanzenwelt kaum. Zusätzlich ein bis zwei Stunden täglich mit dem Hund spazierengehen hält sowohl den Zweibeiner als auch den Vierbeiner fit und verlängert die Lebenserwartung.

Buch-/ Hörbuch-Tipp
T. Colin Campbell, Thomas M. Campbell
„China Study – Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise“
gelesen von Christoph Maria Herbst, der seitdem seine Ernährung auf vegan umgestellt hat.

Wenn wir alle wüssten, was in der Wissenschaft schon längst als belegt gilt: Es besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Ernährung und der Entstehung chronischer Erkrankungen. …Auf Basis seiner 40-jährigen Forschungstätigkeit erklärt Campbell die Zusammenhänge zwischen tiereiweißreicher Ernährung und der Entstehung von chronischen Krankheiten. Und er gibt konkrete Ratschläge, wie wir durch vegane Ernährung gesundheitliche Vorschädigungen und Krankheiten erfolgreich bekämpfen können.

www.lebensmittelklarheit.de/
Die Verbraucherzentralen haben das Portal Lebensmittelklarheit ins Leben gerufen, um Informationen rund um die Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln zu liefern.

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